Preisträger 2019

Die Gesellschaft brauche selbstbewusste, nicht selbstverliebte Journalisten. Die Strahlkraft einer journalistischen Persönlichkeit könne Ergebnis einer erfolgreichen Karriere sein. Selbstzweck sei sie nicht. Das sagte Thomas Hauser, der Herausgeber der Badischen Zeitung: „Zweck ist der Dienst an der Bürgergesellschaft. Journalisten suchen Bürgerinnen und Bürgern aus den tosenden Informationsfluten die heraus, die er oder sie brauchen, um seine oder ihre Aufgaben als Bürgerin oder Bürger wahrzunehmen.“. Ja, journalistische Angebote, ob Print oder Digital dürften auch unterhalten, aber sie seien kein Unterhaltungsmedium. Dieser Spagat gelinge nur dann, wenn Journalisten nicht ihre Leser quälen, sondern sich selbst.


Erster Preis: Andreas Schmidt und Björn Wisker von der Oberhessischen Presse

Das Thema: Zwei Unternehmen haben bereits eine schriftliche Zusage, doch dann erhält plötzlich eine dritte Firma den Zuschlag für die letzten freien Gewerbeflächen im Marburger Stadtwald. Die beiden ersten gehen leer aus, obwohl sie bereits viel Zeit und Planungskosten in die Erweiterungsprojekte investiert haben. Mit dieser Nachricht begann für Andreas Schmidt und Björn Wisker von der Oberhessischen Presse eine dreimonatige Recherche, an deren Ende einige Akteure aus der Marburger Wirtschaft und Politik „uns mit dem Arsch nicht mehr angucken wollten“, wie Wisker sagt, und der umstrittene Grundstücksdeal zwischen einer Tochtergesellschaft der Stadt Marburg, Kommunalpolitikern und Privatunternehmen schließlich platzt.

Laudatio: „Licht in das Gestrüpp gebracht zu haben zwischen vermuteter persönlichen Vorteils- bzw. parteipolitischer Einflussnahme, Inkompetenz der Beteiligten, den finanziellen Auswirkungen für die betroffenen Unternehmen bzw. für die Marburger Stadtkasse, juristisch ungeklärte Fragen bis hin zum Vorwurf des Geheimnisverrats – das alles bedarf eines langen Atems und einer Beharrlichkeit, wie sie die beiden Redakteure an den Tag gelegt haben.“

Laudatio auf Andreas Schmidt und Björn Wisker


Zweiter Preis: Recherche-Team der Stuttgarter Zeitung

Das Thema: Viele Eltern klagten seit Jahren, dass immer mehr Unterricht in Stuttgart ausfalle. Doch in den Daten des Kultusministeriums spiegelte sich das nicht wider. Das Team um Jan Georg Plavec stürzte sich in eine aufwendige Recherche, um selbst Daten zu erheben. Dabei kontaktierte es fast 200 weiterführenden Schulen in Stuttgart – und traf häufig auf eine Mauer aus Schweigen und Angst vor Repressalien der Schulverwaltung. Schließlich gelang es, eine repräsentative Datengrundlage zu erheben. Dabei zeigte sich, dass an bestimmten Schulformen und zu bestimmten Zeiten im Jahr deutlich mehr Unterricht ausfällt als bislang vermutet. Eine Folge: Kultusministerin Susanne Eisenmann kündigte an, statt einer in den Schulbezirken nicht repräsentativen Stichprobe fortan mehrmals im Jahr eine Vollerhebung zum Unterrichtsausfall an allen Schulen in Baden-Württemberg durchzuführen.

Laudatio: „Hartnäckig und mit dem Werben um Vertrauen blieben unsere Rechercheure aber am Ball, und nach sechs Monaten unermüdlicher Arbeit hatten sie eine repräsentative Datengrundlage über den Unterrichtsausfall in Stuttgart beisammen. Ergebnis: An bestimmten Schulformen und zu bestimmten Zeiten fällt deutlich mehr Unterricht aus als bislang vermutet.“

Der zweite Preis ist mit 3000 Euro dotiert.

Laudatio Recherche-Team der Stuttgarter Zeitung


Dritter Preis: Alice Echtermann vom Weser-Kurier

Das Thema: Alice Echtermann kehrt für eine Woche in den Bremer Stadtteil Huchting zurück. Sie ist dort aufgewachsen. In Bremen ist Huchting als Problemviertel, als Getto verschrien. Doch viele Huchtinger wollen hier nicht weg. Und das ist auch Echtermanns Leitfrage bei der Recherche: Warum bleiben? Sie trifft einen Polizisten, eine Quartiersmanagerin, einen Shisha-Laden-Besitzer, Frauen, die sich regelmäßig zum Frühstück treffen und mehrere Lehrer. Dabei gelingt ihr ein vielschichtiges Porträt eines Stadtteils, der sonst nur in den Medien ist, wenn Autos angezündet werden oder es eine Schießerei gibt.

Laudatio: „Das ist gewiss die besondere Qualität dieses Dossiers: Hier kommen Menschen zu Wort, von denen selten etwas zu lesen ist, viel zu selten. Die sogenannten einfachen Bewohnerinnen und Bewohner. Ihnen hat sich die Autorin mit Respekt und Neugier genähert, hat deren Vertrauen gewonnen und sie verschweigt auch nicht, was diese Menschen so an vermeintlich politisch Unkorrektem äußern. Gut so! Denn Zensur hat hier nicht stattzufinden.“

Der dritte Preis ist mit 2000 Euro dotiert.

Laudatio auf Alice Echtermann


Lob der Jury: Mandy Fischer und die Redaktion der Freien Presse

Das Thema: Im Spätsommer 2018 drohte die Stadt Chemnitz zu zerreißen. Zwei Asylbewerber wurden damals verdächtigt einen 35-jährigen Deutschen am Rande des Stadtfestes erstochen zu haben. Daraufhin gab es Aufmärsche von Rechten und Rechtsextremen in der Stadt und das Gesprächsklima war vergiftet. Die Freie Presse nutzte ihre Glaubwürdigkeit und Reichweite, um eine Plattform für Bürgerdialog ins Leben zu rufen. Flüchtlingshelfer und Asylkritiker kamen in Workshops miteinander ins Gespräch – immer mit der Grundannahme: Der andere könnte recht haben. Die Redaktion dokumentierte die Veranstaltung in der Zeitung.

Laudatio: „Es galt, Streit auszuhalten, andere Positionen anzuhören und zu akzeptieren, dass es zum Schluss keinen Konsens geben würde. Das alles gehört zur Demokratie dazu. Das alles aufzuarbeiten, zusammenzuführen, die Plattform zu bieten, den mahnenden Zeigefinger in der Tasche zu lassen, das ist zeitgemäßer Lokaljournalismus, der einem gesellschaftlichen Wandel gerecht wird.“

Laudatio auf Mandy Fischer und die Redaktion der Freien Presse


„Alle politischen Entwürfe sind der verbindlichen Kritik der Bürger unterworfen.“ Die Forderung erhob Ralf Dahrendorf bereits 1968, sie hat nichts an Richtigkeit verloren. Aber wie steht es mit der Realität? Die Digitalisierung des Alltags schafft auf der einen Seite eine nie gekannte Informationsvielfalt. Aber die schiere Fülle der jederzeit verfügbaren Informationen befördert noch lange nicht die Transparenz. Hier setzt der Ralf-Dahrendorf-Preis für Lokaljournalismus an. Ausgezeichnet werden kritische und engagierte Journalisten, die Informationen beschaffen, einordnen und bewerten, die sich für möglichst viel Öffentlichkeit und Transparenz einsetzen und so mithelfen, die Demokratie vor Ort zu sichern und zu verteidigen.

Gestiftet wurde der Preis von den Verlegern der Badischen Zeitung, Dr. Christian Hodeige und Wolfgang Poppen. Ralf Dahrendorf war bis zu seinem Tode Berater der Badischen Zeitung und dem Herausgeber Dr. Christian Hodeige über viele Jahre freundschaftlich verbunden. Schirmherrin des Preises ist die Witwe des Sozialwissenschaftlers, Christiane Dahrendorf.


Reden zur Preisverleihung:

Begrüßungsrede von Dr. Christian Hodeige

Festrede von Thomas Hauser


Fotos und Video:

Fotos vom Festakt im Konzerthaus Freiburg

Video von der Preisverleihung