Preisträger 2017

Handwerkliches Können und Solidität seien die Grundvoraussetzung im Kampf um das wichtigste Pfund im Journalismus: die Glaubwürdigkeit. Die, das sagte Thomas Fricker, Chefredakteur der Badischen Zeitung, dürfe „nicht immer hemmungsloser der Geschwindigkeit geopfert werden“. Denn nie sei das Bedürfnis nach Informationen stärker, die Reichweiten journalistischer Inhalte größer gewesen. Allerdings wollten die Leute diesen Journalismus sicher nicht für alle Zeiten in derselben Form und Anmutung. Neue Textzugänge, Graphiken oder Stilformen, seien gefragt und in Zeiten eines sich ändernden Leseverhaltens auch die kompakte Nachrichten-App.


Erster Preis: Marc Rath von der Magdeburger Volksstimme.

Das Thema: Mit großer Beharrllichkeit deckte Marc Rath über Jahre einen Wahlskandal bei der Kommunalwahl in Stendal auf, dessen Verwicklungen bis in die höchste Landespolitik hinauf langten. Das führte dazu, dass die Wahl wiederholt werden musste, politisch Verantwortliche ihre Ämter verloren und ein Stadtrat zu einer Haftstrafe verurteilt wurde. Die Affäre ist bis heute nicht vollständig aufgeklärt.

Laudatio: „Wer solche Machenschaften aufdeckt, könnte mit der Zeit sehr zornig werden oder zynisch oder hämisch oder herablassend“, sagte Annette Hillebrand, ehemalige Direktorin der Akademie für Publizistik in Hamburg. Nichts davon sein in Raths Berichten zu spüren: „Er bleibt unerschütterlich sachlich, arbeitet gründlich und behutsam.“ Kein Jagdfieber sei da auszumachen, stattdessen: ernsthafte Erschütterung über solch demokratieschädliches Handeln einer Partei.

Der erste Preis ist mit 5000 Euro dotiert.

Laudatio auf Marc Rath


Zweiter Preis: Volker Boch von der Rhein-Zeitung.

Das Thema: Altstrimmig ist ein Dorf im Hunsrück. Hier lebt der ehemalige Geheimagent Werner Mauss auf einem beeindruckenden Anwesen. Volker Boch deckte in akribischer Recherche wie Mauss in seinem lokalen und im politischen Umfeld getragen und gestützt wurde. Mauss muss sich derzeit wegen Steuerhinterziehung in Millionenhöhe vor Gericht verantworten.

Laudatio: „Diesen Preis erhält Volker Boch für seine Hartnäckigkeit und Seriosität. Für zwei der wichtigsten journalistischen Tugenden also“, sagte Ulrike Trampus, Chefredakteurin der Ludiwgsburger Kreiszeitung. Die Jury habe nicht nur die spannende Story beeindruckt, sondern vor allem der Mut, so ein Mammutwerk umzusetzen. Die Rhein-Zeitungsredaktion solle der Preis dazu ermutigen, Journalisten weiterhin den Raum zur ausführlichen Recherche zu geben. „Und alle anderen Lokalzeitungsredaktionen soll es das auch“, schloss Trampus.

Der zweite Preis ist mit 3000 Euro dotiert.

Laudatio auf Volker Boch


Dritter Preis: Joachim Frank und Tim Stinauer, stellvertretend für die gesamte Redaktion des Kölner Stadt-Anzeigers.

Das Thema: Die Silvesternacht 2015/2016 in Köln bedeutete einen Wendepunkt im Umgang mit Flüchtlingen in Deutschland. Die Redaktion des Kölner Stadtanzeigers hat die Folgen nicht nur aufgearbeitet, sondern hat ganz bewusst ihre Beobachterposition verlassen, um als zivilgesellschaftlicher Akteur direkt Stellung zu beziehen.

Laudatio: Schonungslos berichten, ohne aufzubauschen, rücksichtslos Licht in Dunkle bringen, ohne sich vor einen politischen Karren spannen zu lassen: Die Journalisten des Kölner Stadtanzeigers haben ihre Arbeit nicht nur von Anfang an besser gemacht, als dies bundesweit wahrgenommen wurde, sagte Thomas Hauser, Herausgeber der Badischen Zeitung. Mit der „Kölner Botschaft“ habe die Redaktion auch die Zivilgesellschaft mobilisiert und zur Befriedung der aufgeheizten Stimmung beigetragen.

Der dritte Preis ist mit 2000 Euro dotiert.

Laudatio auf die Redaktion des Kölner Stadtanzeigers


Lob der Jury: Michael Ende von der Celleschen Zeitung.

Das Thema: 1800 neue Arbeitsplätze in einem Zerspanungswerk, 700 Millionen Euro Investitionen – davon träumte die Kommunalpolitik in Celle. Doch hinter dem Projekt steckte ein Hochstapler. Das deckte Michael Ende mit seiner hartnäckigen Recherche auf.

Laudatio: Einen finanziellen Schaden muss die Stadt Celle und damit auch ihre Bürger nicht beklagen: „Dank der Arbeit eines gut vernetzten Lokalredakteurs, der detailreich und pointiert berichtet hat. Das Herstellen der Öffentlichkeit, die plötzliche Transparenz, beeinflusste die Politik zum Wohl der Allgemeinheit“, erklärte Berthold Hamelmann, stellvertretender Chefredakteur der Neuen Osnabrücker Zeitung. Bewahrheitet habe sich einmal mehr die Redensart „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“ Durch Kontrolle und Kritik in Städten und Gemeinden wirkten insbesondere die Lokalzeitungen an der Meinungsbildung mit.

Das Lob der Jury ist nicht dotiert.

Laudatio auf Michael Ende


„Alle politischen Entwürfe sind der verbindlichen Kritik der Bürger unterworfen.“ Die Forderung erhob Ralf Dahrendorf bereits 1968, sie hat nichts an Richtigkeit verloren. Aber wie steht es mit der Realität? Die Digitalisierung des Alltags schafft auf der einen Seite eine nie gekannte Informationsvielfalt. Aber die schiere Fülle der jederzeit verfügbaren Informationen befördert noch lange nicht die Transparenz. Hier setzt der Ralf-Dahrendorf-Preis für Lokaljournalismus an. Ausgezeichnet werden kritische und engagierte Journalisten, die Informationen beschaffen, einordnen und bewerten, die sich für möglichst viel Öffentlichkeit und Transparenz einsetzen und so mithelfen, die Demokratie vor Ort zu sichern und zu verteidigen.

Gestiftet wurde der Preis von den Verlegern der Badischen Zeitung, Dr. Christian Hodeige und Wolfgang Poppen. Ralf Dahrendorf war bis zu seinem Tode Berater der Badischen Zeitung und dem Herausgeber Dr. Christian Hodeige über viele Jahre freundschaftlich verbunden. Schirmherrin des Preises ist die Witwe des Sozialwissenschaftlers, Christiane Dahrendorf.


Reden zur Preisverleihung:

Begrüßungsrede von Dr. Christian Hodeige

Festrede von Thomas Fricker


Fotos und Video:

Fotos vom Festakt im Konzerthaus Freiburg

Video von der Preisverleihung